Mittwoch, 14. September 2016

Der Mord macht die Musik
Ein Fall für Vera Falck

Schlagerstar überfährt Radfahrer

Diese Schlagzeile könnte Leo King das Genick brechen. Ausgerechnet jetzt, wo er eine neue Tour plant.
Was für ein Glück, dass sein gutmütiger Freund und Bassist Benno sich der Polizei als Unfallfahrer präsentiert.
Also alles gut für Leo King?
Keineswegs.
Denn einige Tage später wird Benno in seinem Studio erschlagen.
Kommissarin Vera Falck und ihr Team blicken bei ihren Ermittlungen tief in die Abgründe der Musikszene Ruhr. Sie erfahren, dass im Schlagerland mit harten Bandagen gekämpft wird und begegnen schillernden Charakteren wie…

… Ricky Wernicke, der mit seinem Talent-Casting in Bennos Studio den Nachwuchs abzockt.
… Mike Groschek, der smarte Musikmanager, der für Leo Kings Tour über Leichen gehen würde.
… Bronco, den einsamen Ruhrpott-Cowboy, der Johnny Cash liebt – und seinen Baseballschläger.
… und natürlich Leo King, der König der Gute-Laune-Lieder. Ist er wirklich nur der nette Schlager-Onkel?


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Leseprobe


Eins
Was für ein Abend! Was für eine Show! Was für geile Bräute. Viel besser als diese gepiercten Teenie-Tussen, die hinter jedem Rapper herliefen. Die Arschgeweih-Ladies mit den angeklebten Wimpern und Fingernägeln. Nein, für ihn ging nichts über eine aufondulierte Bäckereiverkäuferin, Vierzig plus, oder eine von diesen VHS-Kursleiterinnen im Twinset, die sich ansonsten vor ihren Kolleginnen schämten zuzugeben, dass sie bei ihm die Sau rausließen. Weil jemand wie Leo King in ihren Kreisen eigentlich ein No-Go war.
Leo räkelte sich auf dem Fahrersitz des Saab 9-4X, hielt das Lenkrad mit zwei Fingern und gab Gas.
Er war Leo.
Leo König.
Leo, der King.
Leo King.
Headliner bei der Schlagernacht im Tempodrom in Ruhrort. Zusammen mit Onkel Jürgen von Malle, dem Friseur aus Oberhausen und den beiden süßen Blondinen aus dem RTL-Wettsingen. Alle zusammen mit Leo King und seiner Sunshine-Band. Dreieinhalb Stunden Schlagerspaß für alle.
Neben ihm hing Benno auf dem Beifahrersitz und nuckelte an seinem Dosenbier. Benno war ein Kumpel. Ein echter Kumpel. Und das war was anderes als dieses Buddy-Getue mit dem die jungen Leute heutzutage rummachten. Benno Dorfmann war gut, der beste Bassmann, den er kannte. Und der beste Typ am Mischpult. Ja, Benno würde das Livealbum der Tour in seinem Studio abmischen. Der neuen Tour mit der neuen Show. Der Show mit dem neuen Leo.
Die Idee, mit der das Label gekommen war, hörte sich ausgezeichnet an. Kein Retro oder Revival von Leo, sondern ein komplett neuer Leo. Aber immer noch so gut wie der Leo, der mit seiner Sunshine-Show vor fünf Jahren abgeräumt hatte.
Der Junge beim Label, dieser Groschek, der hatte den richtigen Riecher. Und er hatte den richtigen Biss, das spürte Leo. Er mochte Groschek, weil etwas in seiner Art erinnerte ihn an den jungen Leo. Der für fünfzig Mark auf jedem Bürgerfest gespielt hatte, nur um auf der Bühne zu stehen.
Okay, er schaffte es nicht mehr über die ganzen drei Stunden on stage. Aber zwei Stunden reichten auch. Mit der Sunshine-Band im Rücken konnte eigentlich nichts schiefgehen. Er war froh, dass er die Band über die Jahre gerettet hatte. Benno am Bass, Dickie an den Drums, Dorle für die Backgroundvocals und Max als Leadgitarre. Die hatten es drauf, spielten auch noch mit zwei Promille und verbundenen Augen alles rauf und runter, was er im Repertoire hatte.
Schlager. Warum nicht? Dezent angerocktes Pop-Schmusezeug, Songs über schöne Frauen, brennende Herzen, schummerige Sonnenuntergänge. Das mochten die Leute. Immerhin hatte er es mit seinem Schmusehit »Sue, sweet Sue, keine küsst wie du« letztes Jahr nochmal bis in diese komische RTL-Chartshow geschafft.
Leo genoss die Geschwindigkeit, mit der der Saab durch die Nacht glitt, die Scheinwerfer zeichneten helle Bahnen auf den Asphalt. Seine weiße Bühnenlederjacke mit dem Glitzerzeug am Revers schimmerte im Licht der Armaturen.
Yeah!
Was für eine Show!
Dabei war er erst dagegen gewesen. Ein Leo King trat doch nicht mit anderen auf, selbst wenn es eine All-Star-Show war. Aber Mike Groschek hatte ihn schließlich überzeugt. »Du spielst einen Set, fünf Songs«, hatte er gesagt. »Einmal ›Sweet Sue‹, der Rest ist neues Material. Als Test, verstehst du? Für die Tour. Damit die Leute dich schon mal sehen. Damit sie über dich reden.«
»Okay, versuchen wir's!«, hatte Leo am Ende gesagt, und jetzt war er froh, dass er sich hatte überreden lassen. Groschek war zufrieden gewesen und gab ihm nach dem Auftritt High Five. »Das bringt dich nach vorn, Alter!«, hatte er gesagt und sich dann die Presse- und Fernsehtypen vorgenommen, um ihnen die News von der neuen Leo-Tour zu verkaufen. Was dabei herausgekommen war wusste Leo nicht, denn er und die Jungs hatten mit den anderen noch hart abgefeiert, in der Bar im Basement der Halle, die für die Künstler reserviert war.
»Leo again«. Das würde er Groschek morgen als Headline für die Tour vorschlagen. Das klang gut. Als ob Leo nie weg gewesen wäre. Als hätte es die letzten fünf Jahre nicht gegeben, in denen der sich in seinem Haus im Sauerland vergraben hatte. Die Klinik im Allgäu, die beiden Bypässe und die Scheidung von dieser Schlampe, die es hinter seinem Rücken aber vor den Kameras der Gossip-Geier mit diesem Schauspieler getrieben hatte.
Vorbei.
Jetzt: Leo again.
Leo mit der Sunshine-Band, mittlere Hallen, zehn Städte, wenn es gut lief nochmal zehn.
Leo langte zur Mittelkonsole und angelte sich eine neue Dose Bier aus dem Sixpack, das er und Benno von der Aftershowparty aus dem Tempodrom mitgenommen hatten. Es war jetzt halb drei in der Nacht. Der Asphalt schimmert feucht. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass es angefangen hatte zu nieseln. Er riss das Bier auf, trank und reichte die Dose zu Benno rüber.
Er war auf einem Schleichweg unterwegs, rüber in Richtung Dortmund, wo sie noch in einem Schuppen vorbeischauen wollten, der als Geheimtipp gehandelt wurde. Die Autobahn hatte er links liegen gelassen, an den Auffahrten bauten die Bullen in einer Samstagnacht wie heute nur zu gern ihre Alkoholteststation auf.
Alkohol. So was war ganz schlimm für die Karriere. Besonders wenn man erwischt wurde und dann so ein Bulle das auch noch einem Journalisten steckte. Dass er einen wie Leo, den Sunshine-King mit knapp anderthalb Promille angehalten hatte. Das wäre der GAU, das wäre… …
Der Wagen schlingerte auf einmal und Leo blinzelte hektisch, als er realisierte, dass ihm die Augen zugefallen waren. Neben ihm dämmerte Benno, das Kinn auf der Brust. Als Leo den Wagen ruckartig zur Fahrbahnmitte zurücklenkte, schreckte er hoch. »Was…«
»Alles gut, Alter!« Leo hob die Hand, und weil er im gleichen Moment auch noch gähnen musste, bekam er nicht mit, was da auf einmal passierte.
Eine dunkle Gestalt.
Von rechts.
Schneller als ein Mensch, langsamer als ein Reh.
»Pass auf!«, brüllte Benno.
Fahrradfahrer!
Aber da hatte es auch schon gekracht, der Ruck und das Geräusch gingen Leo durch und durch. Er sah erst den Mann und dann das Rad durch die Luft fliegen, und fühlte sich nach vorn geschleudert, bis der Gurtstraffer einrastete und ihn in den Sitz zurückriss.
Stille.




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Freitag, 28. Februar 2014

Eine Falle für den Verräter

War es wirklich Selbstmord?

Ein Vera Falck-Ratekrimi
Von  H.P. Karr

Professor Becker, der an seinem biochemischen Institut im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums forschte, bat seinen Assistenten Udo Offergeld, Kommissarin Vera Falck die Sachlage zu erklären.
»Weil wir unsere Kollegin Linda Schubert verdächtigen, unsere Forschungsergebnisse an einen Chemiekonzern zu verkaufen, habe ich ihr mit einer präparierten Computerdatei eine Falle gestellt.« Udo zeigte Vera Falck Lindas Computer. »Und siehe da - heute Morgen um 7.35 Uhr wurde diese Datei von Lindas Computer via E-Mail an den US-Konzern verschickt.«

»Wir hätten das der Kommissarin alles viel früher berichten können, wenn Sie nicht Ihre Mittagspause überzogen hätten«, wies Professor Becker Udo Offergeld zurecht. Und zu Vera Falck sagte er: »Linda kam nicht aus der Mittagspause zurück. Wir denken, sie hat sich abgesetzt!«
Kommissarin Vera Falck brauchte eine halbe Stunde, um von dem Labor zu Linda Schuberts Wohnung zu kommen. Sie musste sich vom Hausmeister aufschließen lassen und fand Linda im Schlafzimmer auf dem Bett - tot!

Auf dem Nachttisch lagen die leere Ampulle eines Betäubungsmittels und eine Spritze. »Mein Gott«, murmelte der Hausmeister draußen vor der Tür. »Sie war so eine nette Frau! Jeden Morgen hat sie mir die Zeitung hereingebracht, pünktlich um acht, ehe sie zur Arbeit fuhr.«
»Ist Ihnen heute an ihr etwas aufgefallen?«, fragte die Kommissarin.
»Nein, sie war genau so wie immer«, sagte der Hausmeister.
Vera Falck griff zum Handy und rief Professor Becker an. »Linda ist tot«, sagte er. »Der wahre Spion im Labor hat sie als Sündenbock benutzt. Halten Sie Udo Offergeld unter einem Vorwand fest - er hat uns alle getäuscht und wohl auch Linda in der Mittagspause in ihre Wohnung gelockt und getötet, damit es so aussah, als habe sie aus Schuldgefühl Selbstmord begangen.«
Wie kam Vera Falck zu diesem Schluss?


Lösung: Lindas Wohnung lag eine halbe Autostunde vom Labor entfernt. Der Hausmeister hatte sie um acht gesehen, also hätte sie frühestens um halb neun an ihrem Computer sein können. Aber die belastende E-Mail wurde im Büro um 7.35 Uhr versendet. Das konnte nur Offergeld getan haben, der die angebliche Falle aufgebaut hatte. Ein weiterer Hinweis: Offergeld kam zu spät aus seiner Mittagspause zurück.
(C) Alle Rechte beim Autor




Mehr Ratekrimis mit Vera Falck in:
H.P. Karr: Vera Falck ermittelt
30 Rätselkrimis aus dem Revier
182 Seiten
Messkirch: Gmeiner, 2013
ISBN-10: 3839213703
ISBN-13: 978-3839213704

Montag, 10. Februar 2014

Unschuldig verdächtigt

Ein Vera Falck-Ratekrimi
Von H.P. Karr

Kommissarin Vera Falck schaut durch den Einwegspiegel hinüber in den Verhörraum zu dem Verdächtigen. Seit fast drei Stunden verhört ihr Kollege Weber den Mann jetzt schon - ohne dabei weiterzukommen. Bernie Decker ist 25, arbeitet als Aushilfe in einem Parkhaus, hat langes blondes Haar und wirkt mit seinem offenen Gesicht absolut unschuldig. Vor etwas mehr als drei Stunden hat Vera Falck ihn von einem SEK aus seinem Häuschen im Vorort holen lassen und unter Mordverdacht vorläufig festgenommen. Ein anonymer Anrufer hat der Kripo mitgeteilt, dass Decker für den Tod von Leo Lugmayer und Albert Hoffmeister verantwortlich sei und den Hinweis gegeben, dass man sich einmal den Kofferraum von Deckers Wagen ansehen solle.

Nach Deckers Verhaftung haben sich die Männer des Kriminallabors den Honda Civic in Deckers Garage vorgenommen. Vor Vera Falck liegen die Dinge, die man im Kofferaum von Deckers Wagen gefunden hat: eine Pistole vom Kaliber 9 mm, ein Handscheinwerfer, sowie eine Fankappe von Borussia Dortmund. Die Analyse der Waffe hat ergeben, dass sie eindeutig die Tatwaffe in den Fällen Lugmayer und Hoffmeister ist. Alles Indizien, die darauf hinweisen, dass Decker der Mann gewesen war, der gestern in den späten Abendstunden seinen beiden Opfern vor ihren Häusern aufgelauert hat, um sie mit dem Handscheinwerfer zu blenden und zu erschießen. Was Vera Falck allerdings irritiert, ist die Tatsache, dass es keinerlei Verbindung zwischen Decker und den beiden Opfern gibt.

»Gestehen Sie, Decker!«, hört Vera Falck ihren Kollegen Weber über die Gegensprechanlage drüben sagen. »Sie haben Lugmayer und Hoffmeister getötet. Was war ihr Motiv? Die beiden waren bekannte Unterweltgrößen. Discobesitzer mit Verbindungen zum Drogenhandel und zu Autoschleusern  - was hatten Sie mit ihnen zu tun?«
»Ich bin unschuldig!«, beteuert Decker zum wiederholten Mal.
»Wir haben eine Pistole in Ihrem Wagen gefunden. Einen Handscheinwerfer und noch anderes, was Sie mit der Tat in Zusammenhang bringt!«, sagt Weber.
»Die Dinge, die Sie in meinem Wagen gefunden haben, gehören mir nicht!«, stöhnt Decker. »So glauben Sie mir doch endlich! Ich kannte diese beiden Männer doch gar nicht, die da umgebracht worden sind!«
Kommissarin Vera Falck kann in der Tat keine Beziehung zwischen Decker und den beiden Mordopfern erkennen. Oder hat Decker sie bei seinem Job im Parkhaus kennengelernt? Ist er in dunkle Geschäfte mit ihnen verwickelt gewesen?

Irgendwie fühlt sich Vera Falck unsicher. Wieso beharrt Decker bei dieser Spurenlage immer noch auf seiner Unschuld? Schließlich stimmen auch die Beschreibungen einiger Zeugen überein, die gestern den Täter aus der Ferne gesehen haben: ein Mann mit einer Borussia Dortmund-Fankappe. Zuerst hat der Täter Lugmayer um 21.30 Uhr in einer Straße am Hinterausgang seines Clubs in der Südstadt aufgelauert, ihn mit einem Handscheinwerfer geblendet und dann erschossen. Der Zeuge, der den Mord an Hoffmeister um 22.30 Uhr beobachtet hat, konnte sich auch erinnern, dass der Täter in einem grünen Honda Civic geflohen ist. Der Täter hat vor Hoffmeisters Villa gewartet, bis dieser wie üblich herauskam, um seinen Hund Gassi zu führen. »Gleich nach den Schüssen auf Hoffmeister lief der Täter zu einem grünen Honda und raste davon«, hat der Zeuge ausgesagt. »Leider stand ich zu weit weg, um das Kennzeichen zu erkennen. Außerdem regnete es ja auch in Strömen - es war unmöglich, mehr zu sehen.«
Nach dieser Aussage hat Vera Falck in den Morgennachrichten des Lokalfernsehens nach weiteren Zeugen fahnden lassen - und unter den Anrufen daraufhin eingegangen sind, ist auch der anonyme Hinweis auf Decker gewesen. Alles passt zu perfekt, überlegt Vera Falck. Da hat man uns den Täter quasi auf einem Silbertablett präsentiert. Und in der Unterwelt teilen sich inzwischen einige Leute die Reviere von Lugmayer und Hoffmeister auf.

»Ich war gestern und vorgestern Abend daheim«, beteuert Decker drüben gerade.
Vera sieht den Bericht der Kriminaltechnik durch, die sich mit Deckers Honda befasst hat. Man hat trockenen Staub auf dem Dach gefunden und analysiert - ohne Ergebnis. An den Reifen haben trockene Blätter einer Linde geklebt, ebenso im Radkasten.

»Man muss mir die Sachen im Kofferraum untergeschoben haben!«, beteuert Decker drüben. »Meine Garagentür steht offen, jeder hätte das tun können.«
Vera drückt den Knopf der Gegensprechanlage. »Er hat Recht!«, sagt sie zu Weber. »Der wahre Täter hat ihm die Sachen untergeschoben und uns dann anonym den Tipp gegeben, damit wir ihn für den Mörder halten.«
Was ist Vera aufgefallen?

Lösung: Der zweite Mord fand im strömenden Regen statt. Doch an Deckers Wagen wurde trockener Staub und trockene Blätter gesichert. Er konnte also nicht im Regen unterwegs gewesen sein.
(Copyright: by author)





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Samstag, 4. Januar 2014

Riskantes Alibi - Ein Fall für Vicky Kant

Ein exclusiver Vick Kant-Ratekrimi
Von H.P. Karr

Kommissarin Vicky Kant kennt sich hier im Viertel ganz gut aus, deshalb findet sie die Beckerstraße auch sofort. Dieter Wunderlich wohnt in der Nummer 26, und das Glück will es, das vorm Haus auch gerade ein Parkplatz frei ist. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht der Wagen einer Glaserei und zwei Glaser setzen gerade eine neue Scheibe in das Schaufenster eines Schuhgeschäftes ein, das Vicky Kant nur allzu gut kennt, weil sie dort schon mehrere Monatsgehälter gelassen hat.

»Also«, sagt Vicky Kant zu ihrem Kollegen Weber auf dem Beifahrersitz. »Was haben wir bis jetzt?«
»Einen Mord und einen Verdächtigen«, sagt Weber wie aus der Pistole geschossen und blättert in seinen Notizen zum Mordfall Bredenburg. »Dieter Wunderlich ist unser Hauptverdächtiger. Er war bis vor zwei Monaten der Geschäftspartner von Lukas Bredenburg - den beiden gehörte eine Firma, die Mobiltelefone importierte. Vor zwei Wochen kündigte Bredenburg den Gesellschaftervertrag und verlangte von Wunderlich zwei Millionen Euro, die dieser angeblich zu Privatzwecken von den Firmenkonten abgezweigt hatte. Wunderlich bestritt das und schaltete seine Anwälte ein. Aber Bredenburg blieb hart und kündigte an, Beweise für Wunderlichs Betrügereien vorlegen zu können. Doch ehe er dazu kam wurde Lukas Bredenburg gestern Abend um 20 Uhr auf dem Parkplatz seiner Firma erschossen. Der Täter hat ihm aufgelauert, es handelte sich also um einen geplanten Mord. Der Täter hatte es offenbar auf eine Aktentasche mit Unterlagen abgesehen, die Bredenburg bei sich hatte, denn diese wurde nicht bei dem Toten gefunden. Wir können wohl annehmen, dass die Tasche die Unterlagen enthielt, mit denen Bredenburg seinem Partner die Betrügereien nachweisen wollte.«
»Gut«, sagt Vicky Kant entschlossen. »Dann schauen wir jetzt einmal, ob wir Herrn Wunderlich den Mord an seinem Partner nachweisen können.«
***
Dieter Wunderlich öffnet ihnen nach dem ersten Klingeln.
»Ich habe schon mit Ihnen gerechnet!«, sagt er angesichts von Vickys Dienstmarke. »Ein Kollege aus der Firma hat mich angerufen und erzählt, was mit Bredenburg passiert ist.«
»Dann wird Sie die Frage nach Ihrem Alibi nicht überraschen!«, sagt Vicky Kant knapp. »Wo waren Sie gestern von 19 bis 21 Uhr?«
»Hier!«, sagt Wunderlich lässig. »Leider allein. Aber gestern gegen 20 Uhr ist da drüben ein Motorradfahrer ins Schaufenster des Schuhgeschäftes gerast. Ich habe es klirren gehört und aus dem Fenster geschaut. Die Polizei kam ziemlich schnell und auch ein Krankenwagen. Der Motorradfahrer war nicht schwer verletzt, die Polizisten haben ihn vernommen und dann brachte ihn der Krankenwagen weg.« Wunderlich grinst. »Eine aufgeplatzte Augenbraue und zwei Schnittwunden vom Glas im Oberarm - der Bursche hat mehr Glück als Verstand gehabt.«
»Ich überprüfe das«, sagt Weber und holt sein Mobiltelefon heraus.
»Der Vorfall dauerte fast eine halbe Stunde«, sagt Wunderlich. »Ich habe mir alles angesehen - es war spannender als Fernsehen.«
»Komisch, dass dieser Unfall genau zur Tatzeit passierte«, meint Kommissarin Vicky Kant. »Und vielleicht wissen Sie auch nur von Ihren Nachbarn davon.«
»Mit denen rede ich nicht!«, sagt Wunderlich.
Weber schaltet sein Mobiltelefon aus. »Die zuständige Polizeiwache bestätigt den Unfall gestern um 20 Uhr!«, sagt er. »Der Motorradfahrer heißt Bernie Kohl. Er wurde im Gregorius-Krankenhaus behandelt - seine geplatzte Augenbraue musste genäht werden, außerdem zwei tiefe Schnittwunden am Oberarm.«
»Dieser Bernie Kohl ist Ihr Komplice!«, sagt Vicky Kant plötzlich zu Wunderlich. »Er hat seinen Unfall genau um 20 Uhr inszeniert, während Sie Bredenburg töteten, damit Sie mit Ihrer angeblichen Beobachtung ein Alibi präsentieren konnten.«
Was war Vicky Kant aufgefallen?

Lösung: Wunderlich kannte die drei Verletzungen des Motorradfahrers, obwohl er den Vorgang angeblich nur aus der Ferne gesehen hatte. Also musste er Kontakt zu ihm gehabt haben.

(Copyright: by author)





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H.P. Karr
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ISBN-10: 3839213703
ISBN-13: 978-3839213704

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Der Komplize

Ein exklusiver Vera Falck-Ratekrimi

Von H.P. Karr

Kommissarin Vera Falck und ihr Kollege Weber könnten diesen Abend in Pietros Pizzeria mehr genießen, wenn sie nicht dienstlich hier wären. Pietro Pamoro hat sich gestern an die Kommissarin gewandt, weil er vor zwei Tagen Besuch von der osteuropäischen Mafia bekommen hat. 500 Euro Schutzgeld verlangt man von ihm. Wöchentlich. »Die Kerle haben mich davor gewarnt, zur Polizei zu gehen!«, hat Pietro gesagt. »Angeblich würden sie das sofort mitbekommen.«
Heute soll Pietro zum ersten Mal bezahlen. Außer Vera Falck und ihrem Kollegen Weber sind nur noch drei andere Gäste in der Pizzeria.

»Ob einer von denen etwas mit den Erpressern zu tun hat?«, fragt Weber leise.
»Kann sein – kann auch nicht sein«, murmelt Vera Falck ebenso leise zurück und sieht sich die Gäste genauer an. Ein älterer Mann, der an einem Einzeltisch am Fenster ganz in die ›Tageszeitung vertieft ist. Und ein junges Pärchen, das bei einer Flasche Wein verliebt turtelt.
»Was darf ich Ihnen bringen, Frau Kommissarin?«, fragt Sandro, der Kellner. Er ist die Diskretion und die Liebenswürdigkeit in Person, die Seele von Pietros Pizzeria.
»Für mich einmal Spaghetti all Arrabiata«, bestellt Vera Falck.
»Und einmal Pizza mit Meeresfrüchten für mich«, sagt Weber.
»Sehr wohl!« Sandro notiert sich die Bestellung. Gleich darauf registriert Vera Falck, wie Sandro hinter dem Tresen eindringlich auf Pietro einredet, der gerade Webers Pizza mit Meeresfrüchten belegt.
Dann kommt Pietro an den Tisch, um die Getränke zu servieren. »Sandro meint, es sei sehr dumm von mir, dass ich die Polizei eingeschaltet habe«, sagt er leise. »Er sagt, bei anderen Lokalen seien die Mafiosi immer dahintergekommen, wenn die Polizei mit von der Partie war. Dann wurden die Lokale kurz darauf demoliert!«

»Das wird hier nicht geschehen!«, verspricht Vera Falck. »Sobald die Geldeintreiber auftauchen, gebe ich dem SEK draußen den Befehl zum Zugriff.«
Der Gast am Fenstertisch greift plötzlich zu seinem Handy und dreht sich bei dem Anruf, den er macht, demonstrativ von der Kommissarin und ihrem Begleiter weg. Was er sagt, kann Vera Falck nicht verstehen, denn der Mann spricht sehr leise. Das Telefonat dauert nicht lange.
Webers Aufmerksamkeit gilt dagegen mehr dem Liebespärchen. Er macht Vera Falck darauf aufmerksam, wie die junge Frau unterm Tisch mit ihrem Handy heimlich eine SMS verschickt.
Pietro schiebt unterdessen Webers Pizza in den Ofen, und Sandro gießt das Dressing über die Salate, die zur Bestellung der Kommissarin und ihres Kollegen gehören.
Da geht die Tür auf, und zwei Kerle in Lederjacken kommen herein. Breitbeinig und sehr durchtrainiert.  Das sind die Mafiosi, kein Zweifel. Einer geht zu Pietro, der andere steuert schnurstracks auf die Kommissarin und ihren Kollegen zu.
»Sie erlauben?« Er setzt sich. Sein Blick ist kalt. »Wir hatten Pietro davor gewarnt, die Polizei zu verständigen!«, sagt er. »Wir kennen Sie jetzt, Frau Kommissarin. Heute geschieht Ihnen nichts – essen Sie Ihre Spaghetti und verschwinden Sie mit Ihrem Kollegen. Beim nächsten Mal wird unsere Begegnung nicht so glimpflich verlaufen!«
»Eine nächste Begegnung wird es nicht geben!«, sagt Vera Falck und gibt über Funk den Einsatzbefehl für das Sonderkommando. Bewaffnete Polizisten stürzen herein und setzen die beiden Männer fest.
»War das klug?«, fragt Weber überrascht. »Wir wissen nicht, wer aus der Pizzeria den Gangstern mitgeteilt hat, dass wir auf sie warten.« Er schaut zu dem Mann am Fenster und dem Liebespärchen, die während der ganzen Aktion von den Spezialpolizisten an ihren Plätzen festgehalten worden sind.
»Aber es ist doch ganz klar, wer den Bulgaren gesagt hat, dass wir hier sind!«
Wer?

Lösung: Die Gangster sind von Sandro, dem Kellner, gewarnt worden. Denn der Gangster sagt, Vera Falck solle in Ruhe »ihre Spaghetti essen«. Dass die Kommissarin Spaghetti bestellt hat, kann nur Sandro wissen – und hat es an seine Komplizen weitergegeben.

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Freitag, 13. Dezember 2013

EIN FALL FÜR KOMMISSARIN VERA FALCK


Sein letzter Besuch

Ein exclusiver Vera Falck-Ratekrimi
Von H. P. Karr

Kommissarin Vera Falck ist sich absolut darüber klar, dass Lilly Neumann sie aufmerksam beobachtet. Im Wohnraum der schicken Villa hier im Südviertel herrscht konzentrierte Spannung. Wie immer, wenn die Leute von Mordkommission und Spurensicherung im Einsatz sind.

Der Tote vor dem Schreibtisch am Fenster ist mit einem Laken verhüllt. Nach der ersten Untersuchung durch den Rechtsmediziner gibt es keinen Zweifel, dass Leo Jordan vor knapp 30 Minuten an einer Kugel aus der Pistole gestorben ist, die gerade von den Spurensicherern fotografiert wird. Die Waffe liegt direkt neben der Leiche, etwa in Höhe von Leos rechter Hand.

»Auf dem Abzug der Waffe haben wir einen Abdruck von Jordan gefunden«, berichtet der Chef der Spurensicherer. »Und zwar des rechten Zeigefingers.«

Veras Kollege Lorentz hat mitgehört. »Demnach könnte stimmen, was Lilly Neumann ausgesagt hat«, meint er leise.

Lilly Neumann gehört eine Restaurantkette. Und Leo Jordan ist bis vor kurzem einer ihrer Restaurantleiter gewesen. Vor sieben Tagen hat Lilly ihn gefeuert.

Nach Lillys Aussage ist er heute unvermittelt hier bei ihrem Privathaus aufgetaucht ist, um ein Gespräch über seine Entlassung zu erzwingen.

»Versuchen Sie einmal, etwas mehr über Jordan herauszubringen«, sagt Vera zu ihrem Kollegen und wendet sich dann an Lilly Neumann.
»Sie sagen also, Jordan habe verlangt, dass er wieder als Restaurantleiter eingestellt wird?«, fragt sie.

Lilly Neumann, elegant, Mitte fünfzig, mit stahlhartem Blick, nickt. Sie ist sehr gefasst. »Er drängte mich ins Haus, redete auf mich ein und holte sofort seine Pistole heraus«, sagt sie. »Er wirkte sehr verzweifelt, fuchtelte mit der Waffe herum und behauptete, ich hätte sein Leben zerstört. Ich versuchte ihn zu beruhigen, aber es war einfach nicht mit ihm zu reden. Als ihm klar wurde, dass er mit seinem Besuch nicht erreichen würde, was er wollte, wurde er noch aggressiver. Er stürzte mit der Waffe auf mich zu. Ich versuchte ihn abzuwehren, und dabei löste sich der Schuss, der ihn in die Brust traf. Er muss während des Kampfes den Abzug unbeabsichtigt durchgezogen haben.«

»Haben Sie denn jemals zuvor persönlich mit Jordan zu tun gehabt?«, fragt die Kommissarin.

»Ich kannte ihn nicht persönlich«, versichert Lilly Neumann. »Seine Entlassung wurde mir von meinem Abteilungsleiter Kundenzufriedenheit nahegelegt, weil Jordan sein Restaurant nachlässig führte. Die Entlassung habe ich ihm in einem Brief mitgeteilt. Danach schickte er E-Mails und Briefe an mein Büro, aber mein Sekretariat hat ihm immer geantwortet, dass es bei seiner Kündigung bliebe. Irgendwie hat er sich dann meine Privatadresse verschafft und stand heute hier vor der Tür.«

Die Kommissarin sieht zu, wie der Tote in einem Transportsarg hinausgebracht wird. Bis jetzt kann sie Lilly Neumann nicht nachweisen, dass sie lügt. Lilly hat vorhin selbst die Polizei verständigt und ist seitdem in keinem Detail von ihrer Aussage abgewichen, dass Jordan sich selbst mit einem Schuss aus der Waffe getötet hat, mit der er auf sie losgestürzt ist. Die Tat eines verzweifelten Menschen, der seinen Arbeitsplatz verloren hat. Doch als Veras Kollege Lorentz mit seinen Ermittlungsergebnissen zurückkehrt, bekommt die Sache eine ganz neue Wendung.

»Jordan war bei seinen Kollegen nicht sonderlich beliebt«, sagt Lorentz. »Dauernd sprach er davon, gegen Lilly Neumann vorzugehen, weil sie seiner Meinung minderwertige Lebensmittel verarbeiteten ließ und ihr Personal ausbeutet. Angefangen hat alles mit einem Arbeitsunfall vor einem Jahr, als dessen Folge bei ihm Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand steif geblieben sind.«

Kommissarin Vera Falck sieht Lilly Neumann an. »Sie haben mich belogen!«, sagt sie. »Jordan hat sich nicht selbst erschossen. Sie waren es und haben die Tat als tödlichen Unfall tarnen wollen.«
Was meint sie?

Lösung: Jordans Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand sind nach einem Unfall versteift geblieben. Damit hätte er den Abzug der Pistole nicht bedienen können, aus der der Todesschuss abgegeben worden ist.

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Messkirch: Gmeiner, 2013
ISBN-10: 
3839213703
ISBN-13: 978-3839213704

Dienstag, 22. Oktober 2013

Der Killer wartet schon

Wer hielt nicht dicht?
Ein exklusiver Vera Falck-Ratekrimi

Kommissarin Vera Falck und ihr Kollege Fuchs sitzen mit Tatjana Krause in einem der Verhörräume des Polizeipräsidiums. Die junge Frau war die wichtigste Zeugin bei den Ermittlungen gegen ein Drogensyndikat. »Bei unserer Razzia konnten wir zwei der drei Bosse verhaften«, berichtet Vera Falck. »Nur Alberto Gomero ist noch flüchtig.« Tatjana wird blass. »Er wird einen Killer auf mich ansetzen, damit ich nicht aussage.« 

»Wir bringen Sie in einer Wohnung des Zeugenschutzprogrammes unter«, verspricht Veras Kollege Fuchs und greift zu seinemHandy. »Die Adressen dieser Wohnungen kennen nur unser Chef und Kommissarin Falck.«
Während er telefoniert, bringt Max Thaler, der Leiter der Sonderermittlung gegen das Drogensyndikat. einen elegant gekleideten Mann herein. Vera Falck ahnt, um wen es sich handelt – und ihre Befürchtungen bestätigen sich.
»Dirk Hutmacher ist mein Name, ich bin der Anwalt von Herrn Gomero!«, erklärt der Mann. »Mein Mandant möchte erfahren, welche Anschuldigungen Frau Krause gegen ihn vorbringt.«
Veras Kollege Fuchs beendet sein Telefonat und schiebt Vera einen Zettel hin. »Apartment Nr. 15, Abfahrt in 10 Minuten.«

Kommissarin Vera Falck wendet sich an den Anwalt: »Kommen Sie morgen wieder - es gibt im Augenblick nichts zu sagen.« 
»Und Tschüss!« Max Thaler hält dem Anwalt grinsend die Tür auf. Gleich darauf begleitet Thaler Kommissarin Vera Falck, ihren Kollegen Fuchs und Tatjana auf dem Weg in die Tiefgarage.
»Nummer 15 ist ein Apartment an der Schillerstraße 23«, sagt Vera Falck zu Tatjana. »In einer halben Stunde sind wir dort.« Und ihren Kollegen Fuchs bittet sie: »Fahren Sie vor und kontrollieren die Umgebung!«

Draußen steigen Vera Falck und Tatjana in eine gepanzerte Limousine, die Fahrt geht los. Nach zehn Minuten meldet sich das Funkgerät der Kommissarin. »Sofort umkehren!«, hört sie die Stimme ihres Kollegen Fuchs. »In der Schillerstraße wartet einer von Gomeros Killern.« 
»Ich wusste es!« Tatjana Krause ist blass geworden. »Der Anwalt hat die Adresse des Unterschlupfs an Gomero verraten!«
»Nein«, erklärt Vera Falck. »Der Verräter war eine andere Person!«
Aber welche?


Lösung: Der Verräter war Max Thaler, der Leiter der Sonderermittlung. Er war dabei, als Kommissarin Vera Falck auf dem Gang die Adresse von Appartement 15 nannte. In Gegenwart des Anwalts war nur von »Appartement 15« die Rede gewesen.

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Vera Falck ermittelt
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